Depressionen (akualisiert am 26-08-2017)
Mein Vater starb 1985. Er hat sich das Leben genommen. Sein Tod bedeutete auch das Ende einer schlimmen Zeit für unsere Familie. Jeden Tag ging ich zur Schule und wusste nicht, ob mein Vater noch lebt, wenn ich wieder nach Hause komme. Mehr als einmal stand der Krankenwagen vor unserer Tür, weil er wieder mal Tabletten geschluckt oder sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Und ich stand dann an der Haltestelle und wartete auf den Schulbus, hatte das Gefühl, dass die ganze Welt weiss, was bei uns zu Hause passiert und habe mich geschämt. Hatte das Gefühl, alle zeigen mit dem Finger auf mich. Ich habe meinen Vater dafür gehasst, weil ich es nicht verstand. Er hatte eine Familie, Kinder. Waren wir ihm egal ? Ich verstand diese "Krankheit" nicht. Er hat nicht geblutet, hatte kein Fieber. Er war nur sehr still, schluckte Tabletten, um schlafen zu können, und schluckte andere, um wach zu werden. Er bewegte sich manchmal wie ein Zombie, bekam kaum etwas von seiner Welt mit. Die meiste Zeit lag er im Bett und schlief. Wer schläft, denkt nicht. Er wollte nicht mehr denken, wollte nur noch schlafen. Ewig schlafen. Und weil wir das wussten, mussten wir dafür sorgen, dass Tabletten, Rasierklingen, Stricke für ihn unerreichbar waren. Wenn er nachts auf´s Klo ging, wurde ich automatisch wach. Ich liess ihn nie aus den Augen. Ich war ständig in Alarmbereitschaft - jahrelang. Mit diesem Fluch lebte ich seit der Grundschule, und es endete, als ihm 1985 der Suizid gelang. Er war damals in einer Entziehungsklinik, um von den Tabletten los zu kommen. Man hatte ihn für einen kurzen Augenblick aus den Augen gelassen ... 20 Jahre später. Es ist Heiligabend, und ich sitze in einem Krankenhauszimmer. Jede Viertelstunde kommt eine Krankenschwester und sieht nach mir. An der Feier unten im Gemeinschaftszimmer möchte ich nicht teilnehmen. Ich bin am Ende. Drei Ärzte kümmern sich um mich - Dr. Smolenski, Dr. Poersch, Dr. Hartwig. Ihr oberstes Ziel im Moment : mich am Leben zu halten. Am 7. November 2005 kam ich wegen meiner Depressionen in die Dr. von Ehrenwall´sche Spezialklinik nach Bad Neuenahr-Ahrweiler. Nach jahrelangen Depressionen und Therapien bei Psychologen und Psychiatern, hat die Krankheit den absoluten Höhepunkt erreicht. In den letzten Wochen habe ich Dinge erlebt, die mich völlig aus der Bahn geworfen haben. Statt Hilfe zu bekommen, Unterstützung und Verständnis, haben manche Leute meine Krankheit ausgenutzt und mich auf eine kaltblütige Art und Weise aus dem Verkehr gezogen, meinen Namen durch den Schmutz gezogen, intrigiert. Ein perfektes Team, das konsequent an meinem Untergang gearbeitet hat. Man verbreitet die Behauptung, dass ich in einer Klapsmühle sitze und den Verstand verloren habe. Diese Leute habe ich Freunde genannt. Und das Schlimme ist : dieses feindliche Feld habe ich ab dem Jahr 2000 selbst geschaffen. Ich wurde benutzt, und als ich nicht mehr gebraucht wurde, hinausgeworfen. Noch während meinem Aufenthalt in der Klinik gehen die Intrigen weiter. Gerade, als es Fortschritte zu verzeichnen gab, schickt jemand mir eine Mail, die mich am Boden zerstört. Nach monatelanger Therapie verlasse ich am 14. Februar 2006 das Krankenhaus. Meine ehemaligen Freunde haben es geschafft, die Therapie zunichte zu machen. Wieder zu Hause, suche ich verzweifelt eine Lösung, wie es weitergehen soll. Durch einen neuen Arzt bekomme ich endlich die Medikamente, die mich psychisch stabilisieren. Auch meine Arbeitskollegen, die versuchen, mich abzulenken, mich zum Lachen bringen und den Mund halten, wenn die Lage es erfordert, sorgen dafür, dass es mir von Tag zu Tag besser geht. Aber noch wichtiger sind die Freunde, die mir treu geblieben sind und sich nicht abgewendet haben, als in meinem Kopf Stürme herrschten und ich nicht mehr in der Lage war, irgendeinen Sinn in meinem Leben zu sehen. Doch die Intrigen gehen weiter. Immer noch. Eine Person aus meinem damaligen Bekanntenkreis versucht immer wieder, mich zu zerstören. Die Gründe kenne ich nicht. Behauptet dann sogar bei der Polizei, dass ich ihn bedrohe und benutzt zur Untermauerung seiner Lügen die ekelhaftesten Mittel. Dabei lege ich überhaupt  keinen Wert darauf, diese Person je wieder zu sehen. Seit ich mit einem Anwaltsbrief auf die Demütigungen reagiert habe, herrscht Funkstille. Trotzdem tauchen hin und wieder kleine Schweinereien auf. Tote Mäuse in meinem Briefkasten zum Beispiel, oder anonyme Briefe, oder der Schriftzug "Drecksack", geschrieben in den Schmutzfilm meines Autos. Ich kenne nur eine Person, die mir dieses Wort immer wieder an den Kopf geworfen hat... So kämpfe ich Tag für Tag ums Überleben. Die Tabletten halten mich davon ab, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Meine Arbeit, meine richtigen Freunde, die Musik halten mich aufrecht. Aber mein Leben ist ziellos geworden. Das Wort "Vertrauen" hat eine ganz neue Bedeutung für mich bekommen. Auch das Wort "Freund". Wie konnte es zu dieser Situation kommen ? Nun, ich denke, dass ich durch die Gene meines Vaters von Anfang an gefährdet war, ebenfalls an Depressionen zu erkranken. Durch meine Erlebnisse in meinem Leben, die ich erst heute verarbeite. Die Angst um meinen Vater und vieles mehr, was erst zum Vorschein kam, als ich bei der Psychotherapeutin Susanne Stroppel aus Wasserbillig um Hilfe bat. In der Zwischenzeit habe ich diese Therapie längst abgebrochen, aber sie war nicht umsonst. Vieles wurde mir klar, besonders die Quelle allen Übels. Mit Sicherheit kann ich aber sagen, dass der Grund, warum die Krankheit überhaupt bei mir ausbrach, in meinem Berufsleben zu finden ist. Während fast 15 Jahren arbeitete ich in einem Job, in dem ich ständig den Frechheiten, Bosheiten und sogar Erniedrigungen von Kunden ausgesetzt war. Ich bemerkte, dass ich innerlich zugrunde ging. Wehren konnte ich mich nicht. Zwar tat ich es des öfteren, doch die disziplinarischen Konsequenzen liessen nicht lange auf sich warten. Ich versuchte, zu entkommen. Bat um Versetzung. Niemand ging darauf ein. Suchte Hilfe beim Psychologen, Herrn Khabipour Fari, der es schaffte, dass ich mich zumindest für kurze Zeit besser fühlte. Doch eines Tages erlitt ich einen Nervenzusammenbruch während meiner Arbeitszeit. Mein Gehirn klinkte aus, ich knallte irgendwelche Arbeitsgeräte an die Wand und verliess meinen Arbeitsplatz. Bis heute weiss ich nicht, was ich in der Zeit von 9.00 Uhr morgens bis 15 Uhr nachmittags angestellt habe. Die Folge war eine einwöchige Krankmeldung. Als ich dann kurze Zeit später wieder zusammenbrach, reagierte man endlich und brachte mich in einer anderen Abteilung unter. Doch da war es bereits zu spät. Mein Leben war teilweise schon zerstört. Manche hielten mich längst für nicht mehr tragbar. Einen Depressiven wollten sie nicht in ihren Reihen haben. Zu gefährlich ... Die Klinik in Bad Neuenahr-Ahrweiler schien die einzige Lösung zu sein, mich zu retten ... Ich glaube, viele Feindschaften entstanden, weil viele die Krankheit Depressionen nicht verstehen. Und wie kann ich den Menschen dies vorwerfen - ich selbst habe meinen Vater wegen seiner Krankheit gehasst. Und wie kann man etwas erklären, was man selbst nicht versteht ?  Keine Depression ähnelt der anderen. Und ich kann nur über meine Erfahrungen sprechen. Und trotzdem ist es sehr schwer, zu erklären, was in einem vorgeht. Es sind Gefühle, die man sehr schwer in Worte fassen kann. Aber ich will es versuchen. Ich habe jeden Tag geweint, stundenlang. Oft ohne Grund. Und die Mitmenschen sind hilflos. Die kleinsten Niederlagen entwickeln sich zu Katastrophen. Man macht aus Mücken Elefanten. Du denkst, jeder ist gegen dich. Wenn jemand ein Kompliment machte, fragte ich mich : wie hat er das gemeint ? Hat er einen Hintergedanken ? Statt sich über das Kompliment zu freuen, suchte ich nach Intrigen, nach zynischen Bemerkungen, Gemeinheiten, die nicht existierten. Im Büro versuchten meine Kollegen, mich zum Lachen zu bringen. Je mehr sie sich bemühten, umso trauriger wurde ich. Das Resultat : man liess mich in meiner Ecke in Ruhe, alleine. Dadurch hatte ich genug Zeit, zu grübeln. Also grübelte ich. Acht Stunden am Tag. Und die Zeit zu Hause ? War die Hölle. Also legte ich mich hin und schlief, verschlief meine Freizeit. Wer schläft, denkt nicht. Da verstand ich zum ersten Mal, warum mein Vater ständig geschlafen hat.  Mein Leben bestand aus Schlafen, zur Arbeit gehen, Essen, Schlafen, zur Arbeit gehen, Essen, Schlafen ... Ich ging nicht mehr vor die Tür. Hatte Angst, jemandem zu begegnen, den ich kannte. Ich ging nicht mehr zum Einkaufen, in den Supermarkt um die Ecke, sondern kaufte ausschliesslich in Läden ein, in denen die Gefahr, dass ich Bekannte begegne, gleich null war. Beim Gehen sah ich zu Boden. Um Himmels Willen, keinen Augenkontakt !  Ich besuchte Parks, wie Euro-Disney, Europa-Park oder Phantasia-Land. Alle Menschen um mich herum waren fröhlich, erfreuten sich an den tollen Spielen, der märchenhaften Atmosphäre, an der schönen Deko. Und ich stand mittendrin, und mir war zum Heulen zumute. In meiner Brust schlug ein Herz, so schwer wie Stein. Selbst meine Familienangehörigen brachten es nicht fertig, mich aufzumuntern. Das Schlimmste aber war, dass sich Menschen, die ich für Freunde hielt, von mir entfernten. Manche nutzten die Situation sogar für sich aus, um mich gänzlich schachmatt zu setzen und aus dem Verkehr zu ziehen. Sie zerstörten das, wofür ich so lange gearbeitet hatte. Damals waren es sieben Personen, die sich den Teufel drum scherten, wie es mir ging. Jenen Leuten werde ich niemals verzeihen, und ihre Intrigen werde ich niemals vergessen, so lange ich lebe.   Es dauerte lange, bis es mir besser ging. Heute schlucke ich regelmässig Tabletten - Efexor Exel und Lambipol. Der Versuch, sie abzusetzen, scheiterte zunächst. Nach vier Tagen ohne fühlte sich meine Haut plötzlich wie Glaswolle an, ich schien auf Wolken zu schweben. Der "Entzug" machte sich auf meinem Arbeitsplatz plötzlich bemerkbar. Meine Arbeitskollegen sagten etwas zu mir, doch ich verstand sie nicht. Den Satz "Ich ruf dich in einer Viertelstunde noch mal an, ich habe dich gerade nicht verstanden" benutzte ich mehrere Male am Morgen, bevor ich beim Arzt anrief und ihm die Situation schilderte. Er erkannte die Symptome sofort und befahl mir, die Tabletten wieder einzunehmen. Seither versuche ich, die Pillen langsam abzubauen, nehme nur noch jeden dritten Tag meine Ration. Mal sehen, was passiert. Ich möchte einfach nicht mein ganzen Leben an diese Medikamente gebunden sein. Denn mein Gewicht erhöhte sich von fünfundsiebzig auf hundert Kilogramm. Obwohl ich unregelmässig und nicht zu viel esse, werde ich immer dicker. Es ist zum Verzweifeln. Aber sonst geht es mir gut. Daher muss ich diese Nebenwirkungen wohl in Kauf nehmen. Auf dieser Seite habe ich sehr viel von mir preis gegeben. Manche Dinge wussten meine besten Freunde sogar nicht. Menschen, die ich seit dem Kindergarten kenne. Vielleicht sollte ich nicht so offen sein, doch es ist mir wichtig, dass manche Menschen wissen, was in meinem Kopf für lange Zeit vorging und warum ich manches Mal so handelte, wie ich es tat. Vielleicht können manche mir verzeihen, weil ich sie vergass, oder manchmal seltsame Dinge tat, die dafür sorgten, dass wir uns nicht mehr verstanden und uns auseinander lebten. Aber zumindest habe ich durch meine Krankheit erfahren, wen ich wirklich zu meinen Freunden zählen darf. Und um jene, die ich verloren habe, ist es nicht schade. Wenn man plötzlich merkt, dass man als Mensch nicht zählt, sondern nur als Geldquelle oder als Mittel zum Zweck geduldet, dann ist es das beste, was dir passieren kann, wenn du die Parasiten um dich herum endlich los wirst ...
Mein Vater
Am Eingang zur Klinik
Die Klinik aus der Vogelperspektive
Eine Mitpatientin fotografierte mich am Klavier sitzend